Otto Wenkel
My life in einer Minute
In Mitte des vorherigen Jahrhundert zog ich vom Arbeiter- und Bauernstaat nach Westdeutschland und machte mit seiner kapitalistischen Nachkriegsjugend Remmidemmi. Bevorzugt in Ruinen und Hinterhöfen, denn dort lag noch Zeugs vom Krieg herum. Es war die Zeit der Frauen, der Witwen und Waisen, denn etliche Männer waren im Krieg geblieben oder hockten traumatisiert vorm Küchentisch und viele Unversehrte ertränkten ihr Glück im Alkohol. Doch ihre resoluten Trümmerfrauen prügelten alle aus ihren Kneipen raus, um sie heim zu schleppen, bevor der Wochenlohn versoffen war. So entstanden diese Babyboomer, welche derzeit unsere Rentenversicherung an ihre Grenze bringen, denn einen Fernseher konnte sich ja keiner leisten. Mit Nylons, Chewing Gums und Cokes machte auch der Ami gerne mit. Die begehrten Strümpfe für die Froauleins und Leckerlis für uns, damit wir bei den Anproben wegsahen. Taten wir aber nicht!
Anschließend wollte ich zum Wasser und zog mit einer Umsiedlungsaktion hinunter in den Süden. Wie Staat wollte, begann mein Neustart am Bodensee und ich ging weiter in die Schule. Aber eine intellektuelle Bereicherung konnte ich meistens nicht erkennen und stellte diese Bildungsform infrage. Zum Anfang gab es nur Prügelpädagogik und hernach wurde immer Schillers Glocke als Lebenshilfe empfohlen. Doch das änderte sich, als ich stärker wurde, danach die Schule wechselte und außerdem erkannte, dass ich halt irgendwas Vernünftiges werden sollte, denn die jetzt nachgefragte, mit Petticoat ausgerüstete Weiblichkeit bestand auf Mobilität und ohne flott gestylte Vespa blieb nur die verbotene Männerliebe. Um finanziell mit zu halten, ging ich zum Arbeitsamt. "Was willsten eigentlich werden?" Fragte der Berufsberater. "Tja, wo ich ein Haufen Geld verdiene", entgegnete ich. "Da müssteste unter Tage oder zum grafischen Gewerbe." Weil es um den See rum keine Zeche gibt und das Steigerlied nicht von den Rolling Stones gesungen wird, wählte ich die Schwarze Kunst und Vespa, Gattin Töchterlein kamen wie von selbst.
In einer Druckerei produzierte ich danach Tag und Nacht Erotik-Magazine, denn ab Mitternacht war Arbeit für mich steuerfrei. Die hatten zwar ein Potenzial wie die Wäsche-Seiten vom Otto-Katalog, brachten aber jede Menge Geld, besonders in glaubensstarken Orten; je frommer die Leute, desto höher die Auflage. Doch Jahre später verbot man unsere Geschäftsgrundlage, denn mit Ingrid Steegers Strapsen waren wir doch zu früh dran gewesen. Unsere Judikative bestand halt noch auf der Bienen- und Blumenerotik und machte uns den Laden dicht.
Arbeit, Geld und Status waren damit passé. Drucken wollte ich nicht mehr und für höhere Weihen fehlten mir Papiere. "An Diddel muss ma ham", riet mir eine abgeklärte Fränkin. Nach diesem Rat machte ich nur noch Weiterbildung und eine Prüfung nach der anderen, denn die Gattin brauchte Brot und mein Töchterlein Milupa. So wurde ich nach endlos vielen Mühen Lehrer, stand an der Tafel und dachte: Hoffentlich fragt mich keiner. Doch beim ersten Rambo-Film erlebte ich, dass man selbst aus dem Gesicht was machen konnte, hatte aber kein adäquates Waffenarsenal und reduzierte mich auf geistreiche Explosionen. Danach knallte ich jahrzehntelang und zahlreiche Menschen aus aller Herren Länder mussten dabei zuhören. Sie lernten sogar tatsächlich was und ich signierte dann Diplome oder Meisterbriefe.
Nach ausreichenden Rentenpunkten ging ich mit der D-Mark in den Ruhestand, denn im Zenit des Entertainment wollten Hörsturz und Tinnitus meine Freunde bleiben und es wurde Zeit. Gute Arbeit ist gut, doch gute Rente ist guter und der Boandlkramer ging bisher auch noch nicht ums Haus. Na ja, Gott sei Dank ist W im Alphabet ganz hinten!
Vom Leben gezeichnet
(Die drei Bilder wurden mit generativer KI bearbeitet)










































